Fulfilment

Just remember, someday soon,
we’ll have a second honeymoon.
This is a promise I will keep,
In a strange place we will sleep.

(Joseph Charles, Isle Of Dogs, September 6th 2017)

Ein Tischlein auf Wanderschaft

Im Bahnhof: Ein junger Mann stellt sein Redbull darauf ab, während er telefoniert.
Auf dem Gleis: Ein älterer Herr deponiert lächelnd seinen Rucksack darauf.
Im IC: Eine junge Frau schiebt genervt ihren Kinderwagen darunter (Platzmangel im IC ...).
An der Haltestelle: Der Buschauffeur bittet um einen Jass (Platzmangel auf Tischlein).
Im Bus: Eine ältere Dame möchte sich darauf abstützen, damit sie in den Kurven nicht fällt (Tischlein und Dame halten den Kurven stand).
Am Ticketschalter: Tischlein klemmt in der Drehtür (Einlass durch Behindertenzone).
An der Station: Eine Frau wünscht ihre Füsse darunter zu stellen.
Im Funiculaire: Zwei Kinder wollen darüber streicheln (eines getraut sich).

Fazit: Man muss nicht einen Hund anschaffen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

(Bern und darüber hinaus, 12.8.17)

Über den Zusammenhang von Urin und Veilchen

Mäandern zwischen zwei Meeren, vorbei an demütigen Sonnenblumen und einem Bett im Kornfeld. Darin ein Kind mit krausen Locken im Canard Enchainé blätternd, als wäre es schon gross wie der Wind, 16 Beaufort, der das Bellen der Hunde übertönt, die den Hof gegen wasserspeiende Dinosauriergerippe aus Eisen verteidigen. Nicht weit von hier, schon über dem Fluss, bist du zuhause, meist zu Ross, Monsieur, bis auf soeben, wo du im steinernen Türmchen sitzt, 46 Treppenstufen hoch, hinter einem Vorhänglein versteckt, damit niemand sieht, wie du venezianischen Terpentinbalsam trinkst, der, wenn auch wirkungslos, zumindest deinen Urin – wie du entzückt feststellst – nach Märzveilchen riechen lässt, worauf du zwischen Garonne und Dordogne des Harzes wegen unzählige Kiefern und Lärchen pflanzt. Und eine einzige Königskerze. Für dich, sagst du, und gehst davon, so dass mein „wozu?“ ungehört verklingt, bis die Antwort von Alice kommt: Es ist schwer, im Dunkeln den Sonnenaufgang zu finden.

(Saint-Michel-De-Montaigne, 25.7.2017)

was übrig blieb

sandkasten ohne sand
vierzig Jahre alt
oder mehr
neben einem wald
ohne bäume
darin ein kind
bemalt wie ein clown

mit blick nach nordwesten
zu den fliegern
lautlos
über den hügeln
die ihre schatten
sanft
wie ein malvenblatt
über weibliche rundungen ziehen.

(gstaad, 20.7.17)

Schöner träumen

36 Grad, flirrendes Seeblau im Blick, Windspiel im Rücken,Rosen kurz vor der Dörre,
gedankenwandern, strassauf, strassab, die einzig zwei verfügbaren Richtungen,
vorbei an Zimmer zu vermieten und einer kleinen Sandsteinruine,
in Fantasie sogleich gekauft und ausgebaut,schöner träumen für einen Moment,
bis ein Vogel mit aufgeplustertem Buntgefieder schrille Klänge durch Gitterstäbe wirft,
wie die Königin der Nacht bei helllichtem Tag,
Schatten suchen unter einem Baum mit orangen Früchten,
die auf Zehenspitzen so nah sind.

(Rosh Pina, 21.4.17)

Freiheit

Du wartest auf der Plattform, wo ich Dich überhole und vorausgehe bis zur nächsten Plattform, wo Du mich überholst und vorausgehst, so begleiten wir einander ungesprochen den Berg hoch, entkommen mit jeder weiteren Stufe den Geräuschen der Stadt, bis die Motoren verstummen auf den bunten Spielzeugbrücken. Ich mache mir ein Bild von Deinem Blick, als wärst Du verwundert, ein Sohn dieses Landes zu sein, Du Dir von meinem Blick, als wäre ich verwundert, die Freiheit anzutreffen, die Dein Volk nur vage kennt. Wir gehen an ihr vorbei, je einen anderen Weg, um unten wieder zusammenzutreffen. Das, sagst Du, ist wohl Freiheit, wirfst ein kleines Blatt in den Wind und gehst davon.

(Gellért-hegy, 11.2.17)

Weihnachten in der MOB

Sie:      „Ah sälü. O ungerwägs?“
Er:       „Sälü. Ja, Wiehnachte.“
Sie:      „Ig o. Säg, was hesch kouft?“
Er:       „Papiernastüechli.“
Sie:      „Aha. Di si gäbig. Hesch ke Stoffnastüechli?“
Er:       „Nei. Papiernastüechli.“
Sie:      „Aha. I ga uf Bärn u vo dert fahre mir uf R.. Wo fahrsch Du häre?“
Er:       „Uf F..“
Sie:      „Wi viu choschtet ds Billet?“
Er:       „I ha es GA.“
Sie:      „Aha. Wie viu hesch zalt?“
Er:       „2700.“
Sie:      „Das isch viu Gäud. Säg, wi viu Gäud überchunnsch im Monet?“
Er:       „I bi zfride.“
Sie:      „Aha. Aber wi viu Gäud überchunnsch?“
Er:       „I bi zfride.“
Sie:      „Zfride, aha. Das isch guet. U itz hesch es GA?“
Er:       „Ja.“
Sie:      „Zeigs mir mau. Das isch viu Gäud! U Papiernastüechli hesch kouft?“
Er:       „Ja.“
Sie:      „Hesch mir es Päckli Papiernastüechli.“
Er:       „Hesch keni eigete derbi?“
Sie:      „Nei, hesch mir es Päckli vo Dine?“
Er:       „Hie. Chasch se ha.“
Sie:      „Ou, merci viu mau! Das isch aber de lieb.“

(MOB, Gstaad-Schönried, 25.12.16)

Moderne Kunst

Du sitzt auf einer weissen Couch, die Ellenbogen auf den Knien abgestützt, in den Händen ein Sandwich, im Mund ein unzerkauter Bissen, der Rücken gerade, das Gesicht bewegungslos, das weisse Hemd zugeknöpft, auf der Brust das Licht, das durch die Fensterfront fällt, auf dem Rücken der Schatten eines weissen Büchergestells mit Büchern ohne Schutzhüllen, nackt den Blicken der Menschen ausgesetzt, die auf der anderen Seite der Glasfront auf der „viewing terrace“ die 360° Aussicht absorbieren und am Hinweisschild „please respect our neighbours privacy“ vorbei zum Hochbau hinüberschauen, in dein Wohnzimmer, der eigentliche Ausstellungsraum. Und du: die eigentliche Kunst, die moderne.

(tate modern, 1.10.2016)

Glasgow Coma Scale: 15

„Wenn ein Mensch in einer abwegigen und ungewohnten Position einschläft, zum Beispiel nach dem Abendessen in seinem Sessel sitzend, wird das Chaos der aus ihren Bahnen geworfenen Welten vollständig sein, der magische Sessel ihn in Höchstgeschwindigkeit durch Zeit und Raum transportieren, und im Moment, da er die Augen aufschlägt, wird er glauben, aus einem vor mehreren Monaten in einer völlig anderen Gegend verbrachten Schlaf zu erwachen.

Wo bin ich? Und wer bin ich?

Nur noch das Gefühl zu existieren war da. In all seiner ursprünglichen Primitivität. So wie es auch im Innern eines Tieres pulsieren mag“ (Marcel Proust).

In diesem Moment kommt die Erinnerung. Wirre Momentaufnahmen von Deckenleuchten und Sirenengeheul setzen stückchenweise die eigentümlichen Züge des Ichs zusammen. Ringsum kreisen die Dinge, die Länder, die Zeit. Darin die Namen als Anker im Hafen des Lebens:

Der eigene, Glasgow Coma Scale, beste verbale Antwort: fünf Punkte. Nomen do, ergo sum.

Jogi, auch ein Name, die Person: zwei Meter, eine Brille mit Magnetverschluss über dem Nasenrücken, ein Riese mit Fragen, die über Haarscheitel und Augenlider hin fegen wie der Levante durch die Strasse Gribaltars. Jogi darum, weil es einfach ist, wenn alles andere ungreifbar scheint. Jogi Wan Kenobi geleitet durch das Sternenmeer.

Maria, mit einer Stimme wie aus einem Musikdöschen, lieblich. So klingt die Unschuld in ihrem reinsten Ton. Maria führt den Faden, der das Denken zusammenhält, Stiche verweben Ränder des Wachseins mit Rändern des Schlafs zu einer schlummernden Krempe.

Gema, mit Augen tief und rund wie U-Boote. Der Mund das Mutterschiff, das Herz der Hafen, in den man gespült wird.

Um sie herum viele, die im Schatten der Namenlosigkeit verschwinden, und damit aus der Erinnerung, die zögerlich an der Schwelle steht von Zeit und Raum. Wie eine Campanilla vor der Blüte.

Algeciras, 2.8.2016

Lärmemission

Durch den Flügelschlag eines Vogels entsteht ein Luftzug, der die Schneemasse auf dem Tannästchen unsichtbar bewegt, bis ein Stück Schnee mit einem Durchmesser von drei Zentimeter abbricht und nach zwei Sekunden mit einem „Klack“ von zehn Dezibel auf der Erde auftrifft. 

karasjok, 6.1.2016, -42°

Smoking Zone

Drei Männer
vierzig vielleicht oder mehr
von Betonmauern umschlossen
über ihnen die Nacht in weissem Dunst
zu ihren Füssen ein lila Schriftzug 
der über den nackten Boden zieht
von Süden nach Norden und zurück

Ihm hinterher ein altes Mädchen
neunzig vielleicht oder mehr
von schwarzem Tüll umschlossen
sie kaum grösser als ihr Stock
mit dünnem Haar und Fingernägeln in zartem Himmelblau
flüstert im Takt ihrer tänzelnden Füsse
I’m a glamour girl.

heathrow, 18.12.1015

Einzelzimmer

Der Blick aus den Fenstern führt auf Schächte, nach Bratfett riechende Innenhöfe, heruntergekommene Hausrückseiten, schief hängende Fensterläden, Frauen mit Bügeleisen und Hängebrüsten. Hier ist die Stadt, die reine, die Essenz, alles andere ihr Implantat.

paris, 28. August 2015

und wieder so

ein land ohne nie und immer
das kind verschnürt die illusion mit seilen.

kjos, 8. august 2015

Regenpfeifer im Sturm

Ein liebevolles Paradies, mit Reetdachhäuschen und Rosengärtchen, eine Welt, wo Kühe keine Glocken tragen und Einkaufstüten in der Kurtaxe mit inbegriffen sind, wo es mehr Fahrräder hat als Menschen, wo Enkel und Grosseltern harmonieren und sich das Puppentheater nach Aufführungsende fortsetzt, eine Welt, wo das Wasser kommt und geht, in einer Zuverlässigkeit, die kein Verlustgefühl aufkommen lässt, wo Hausmauern das Weckerklingeln verschlucken, der Wind den Weg in die Nasenlöcher von selbst findet und das Wasser zärtlich aus der Brause spritzt. Das wahre Spektakel. Ein Regenpfeifer kämpft im Stillstand gegen den Sturm.

amrum, 1. august 2015

Für ein Lächeln

Stumpf von den geköpften Jünglingen und nackten Versteinerten wandeln sie wie Marionetten durch die Hallen, auf Bild festhaltend, was im Kopf nicht Platz hat, um am Ende ihres Weges oder schon eher Albissers Einsicht zu teilen, sich „an den falschen Widerständen festgescheuert“ zu haben, „weissgeblutet ... hochgerappelt, aber wohin, wozu? 1)“ Für ein Lächeln, sagst du.

paris, 11. juli 2015
(ausschnitt aus Wie Mona Lisa das Lächeln abhanden kam und sie es dann doch wieder fand, wenn auch zaghaft, für em)
1) Muschg, 1976, Albissers Abgrund.

Ein Wald voll Stimmen

Ein Bäumchen singt. Nein, viele Bäumchen singen, siebzig vielleicht oder achtzig. Sie besingen die Eindunkelung, die dreissig Krähennester zu ihrer Rechten, die Weite und die Leere zu ihren Füssen. Ein ganz kleines Bäumchen singt: If you’re a piece of wood I’d nail you to the floor. Es singt sich gross. Daneben zwei tanzende Enten, sie wiegen ihre Hintern hin und her, zaghaft, aber synchron, like the fact that I will love you till I die ... fast berühren sich ihre Schnäbel. Irgendwo setzt Louis Jung ein, daneben Helmut Lotti. Oh Lotti, ein Strunk nur ist von Dir übrig, nie wirst du ein Sir wie Cliff Richards. Er ragt über alle anderen hinweg, tief verwurzelt, dafür stumm. Abseits zwei Hasen mit weissem Schwanz, ohne Ohren für die Bäume, nur Augen für Gras.  Ein Mann vertreibt sie mit seinen Schritten. Er bleibt stehen, schaut auf, nickt, senkt den Kopf und geht weiter, so weit, bis sich seine Umrisse in der Dämmerung auflösen. Nur sein langes blondes Haar leuchtet auf bei jedem Windstoss, like a candle in the wind sagt das Gehölz.

(Aalborg, 6.4.2015)

Grossmütter

Münder wie Scharten, Silben wie Geschosse, hinter den Seelen als Festung Herzen aus Gold, aus Argusaugen bewacht von kleinen Monddiamanten auf samtenen Pfoten.

(Fairlop, 13.12.2014)

Adaptation

Ein Hemd in der Waschtrommel kann schlecht von Innen den Ausschaltknopf drücken, um den Waschvorgang zu stoppen.

(Waschküchen dieser Welt, 28.9.2014)

Tankstellenkonversation

„Ich bin eine alte Dame. Frag Mate. Sie ist auch eine alte Dame. Oder Mate?“

„Ja, Linni, du bist alt alt – ich alt. Weisst du – Linni war meine Lehrerin, dann meine Bekannte, dann meine Freundin.“

„Welche Version erzählst du gerade, Mate?“

„Die Lehrerin-Bekannte-Freundin-Version.“

„Ah so, ja. Erzähl bitte von deinem Doktor.“

„Vom Doktor? So weit kommts noch! Nein. Das Haar – über das Haar muss ich reden. Es ist so: Mein Leben lang hatte ich Haare bis hier – bis zur Hüfte. Nein, länger, so lang, wie Linni alt ist. Also lang lang. Dann plötzlich die Idee: Linni, jetzt schneid ich das Haar. Gut, sagte Linni, es ist Zeit.“

„Blödsinn. Du fragtest mich. Ich sagte: Gut.“

„Richtig. Ich fragte sie. Sie sagte gut. Dann war das Haar weg. Ich auch. Meine Identität. Ich lag beim Haarschneider in langen Fäden am Boden, liess mich in eine Ecke wischen. Meine Identität, verstehst du? Ich bin der Überrest von mir. Nicht wahr, Linni?

„Sie ist ein Überrest. Ein alter Überrest. Wir beide. Jetzt trink aus – die Fähren.“

„Richtig, die Fähren. Die Insel. Der Rest einer Insel, die der Rest einer anderen Insel ist. Verstehst du? Ein Rest Rest.“

(Ryfoss, 27.7.2014)

Mann im Schaufensterbüro

Sitzt um Mitternacht in derselben Position hinter der Scheibe wie morgens um sieben, mittags um zwölf, nachmittags um vier, schlüpfst mit den Füssen nicht aus den Schuhen, naschst nicht, lachst nicht, das Gesicht mal bildschirmweiss, mal bildschirmblau. Denkst, seiest eine Schaufensterpuppe? 

(neubrückstrasse bern, märz 2014)

Fünf Freunde

In Peter habe ich mich verliebt. Er ist lang, schlaksig und trägt eine Brille. Er hat auch Haare. Das ist wichtig. Sie sind braun. Ich habe mich nicht sofort verliebt, auch nicht schleichend. Wir sahen uns täglich seit mehreren Jahren und eines morgens – ich war gerade dabei, mir die Zähne zu putzen – da spürte ich plötzlich dieses warme Gefühl im Bauch. Meine Hand begann zu zittern. Zuerst dachte ich, es sei die elektrische Zahnbürste. Aber als ich sie ausschaltete, zitterte die Hand weiter.

Ich wollte mir nichts anmerken lassen, ich wollte ihm mit derselben gelassenen Art begegnen wie immer. Doch 20 Minuten später schon rannte ich ihm hinterher Richtung Bahnhof, wo er immer um 8.25 den 12er-Bus nimmt. Von weitem rief ich ihm zu: „Peter, ich liebe dich.“ Er stieg in den überfüllten Bus, dreht sich auf dem Trittbrett um und wollte die Hand zwischen die sich verschliessende Tür schieben. Es war zu spät. Ich sah nur noch seine weissen Fingerkuppen an der Scheibe, seinen Blick, als der Bus an mir vorbeifuhr. „Ist das ok?“, rief ich. Das Motorengeräusch verschluckte meine Stimme. Die Menschen an der Wartestelle warfen mir seltsame Blicke zu.

Erst viel später erfuhr ich, dass er mich auch liebte. Ich kochte gerade Gulasch, der Dampfabzug rauschte und da meinte ich die lang ersehnten Worte zu hören. Erstaunt drehte ich mich zum Küchentisch. „Was hast Du gesagt?“, fragte ich. Peter zwinkerte mir zu und drehte sich wieder um zu den anderen. Sibille warf mir einen bösen Blick zu.

Sibille ist eine verwegene Frau. Das blonde Haar lose zusammengebunden, wild, und sie fühlt sich zu mir hingezogen. Seit sie von meinen Gefühlen für Peter weiss, ist sie giftig, kommandiert mich herum, regt sich über Kleinigkeiten auf. Über meine Schlafenszeiten, über mein Putzverhalten – „Du putzt zu viel, du putzt zu wenig“ und dass ich zu viel Wasser brauche im Bad – „Ab jetzt nur noch duschen!“. Und meine elektrische Zahnbürste – „stell sie nicht auf Stufe zwei!“ Sie kriege Kopfschmerzen davon.

„Nicht wahr, Helene?“, sagt sie dann jeweils. Helene will sich da nicht einmischen. Helene, klein, korrekt und mit stets zusammengekniffenen Mundwinkeln, behält sich vor, ihre eigene Meinung zu bilden. In erster Linie war sie drei Jahre lang damit beschäftigt, Sibille von ihren homosexuellen Vorlieben abzubringen. Nun versucht sie mich mit psychologischen Theorien davon zu überzeugen, warum eine Liebschaft mit Peter aussichtslos ist. „Er ist Veloingenieur“, sagt sie. „Er hat zwei Kinder, lebt in Scheidung. Er hat einen Mutterkomplex.“

Der Mutterkomplex ist eine komplexe Theorie, die Helene auf praktisch alle Männer anwendet, weshalb sie selbst noch nie einen hatte – mit 58 Jahren. Helene braucht fünf Zigaretten à sieben Minuten, um mir diesen Komplex erneut zu erklären und dem aktuellen Opfer anzupassen, mit dem Resultat, dass ich nichts verstanden habe und Helenes Gesicht durch die Rauchschwaden nur noch vernebelt wahrnehme. „Ich verstehe nicht“, sage ich. Das regt sie auf und sie beklagt sich bei George. George weiss immer einen Rat, er weiss alles.

George, ist etwas älter als wir anderen und lächelt zufrieden vor sich hin. Seine Hände liegen locker verschränkt auf seinem runden Bauch. Auch sein Gesicht ist rund – nicht fett, nein – einfach rund. Manchmal sagt er etwas und es klingt wie ein Witz. Wenn Helene dann mit verkniffenem Mund meine Ignoranz und „die Ignoranz der Menschheit überhaupt“ beklagt, tätschelt er ihre Wange und drückt sie an seine Brust. Steif lässt sie das Ganze über sich ergehen und windet sich schliesslich verlegen aus seinen Armen mit der Ausrede, sie müsse ihre Gedanken über unsere Gruppendynamik und die Verteilung der Rollen in Ruhe niederschreiben.

Seit vier Jahren sind sie da. Die Kinder waren weg. Der Mann schon lange. Peter, Sibille, Helen, George zogen ein. Sigi ist auch noch da. Er ist blind und ein Grossmaul. Niemand hört ihm zu. Er trägt Stirnfransen, das ist hässlich. Aber irgendwie hat er es trotzdem geschafft, ein Teil von uns zu sein. Helene hat auch eine Theorie über die Vorteile des Blindseins geschrieben. „Ihr Blinden habt es gut“, erklärte sie Sigi kürzlich. Er schüttelte den Kopf. „Warum?“ – „Weil ihr das Schöne nie seht, und so die Wehmut umgehen könnt.“ Seitdem ist Sigi stiller. Er sitzt am kleinen Küchentisch, eine Tasse Kaffee vor sich. Wenn der Kaffee kalt ist, schütte ich ihn aus und mache einen frischen.

Manchmal liege ich nachts im Bett und denke an Peter und überlege, warum ich mich in ihn verliebt habe. Dann muss ich mir eingestehen, dass es im Grunde ganz simpel ist. Peter nimmt mich in Schutz. Wenn die anderen fluchen oder lachen, und ich mich klein wie ein Stäubchen fühle, wirft er mir besänftigende Worte zu, die sich wie ein Wattebausch um mich legen. Ich denke dann Watte und bin Watte. Das mag auf den ersten Blick merkwürdig klingen, aber im Vergleich zu einem Stäubchen ist ein Wattebausch ein grosses Gefühl. Ich wünschte, er würde mich küssen, der Peter. Das darf niemand wissen.

Sie sind meine Freunde, die fünf, auch wenn sie mir zusetzen mit ihren Ansprüchen, Forderungen, Regeln. Hin und wieder sehne ich mich danach ungestört aufs Klo zu gehen. Unbeobachtet den Hintern zu wischen. Dann will ich sie alle rausschmeissen. Haut ab!, rufe ich. Sie lachen und bleiben. Ich halte mir die Ohren zu, drücke meine Stirn an die kühle Wand. Sibille pisakt mich dann noch mehr, befiehlt mir, ganz leise zu sein, am besten ohne zu atmen, weil es sie in ihrem Menschsein störe. Das bringt mich zur Weissglut. In solchen Momenten kann es vorkommen, dass ich handgreiflich werde und wenn ich handgreiflich werde, nützt auch Peters Watte nichts. Ich dresche mit Wucht auf die Stimmen ein, die unverletzt weiterklingen.

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, sass ein Fremder am Küchentisch. Ich habe nur einen Stuhl, darum blieb ich stehen. Ernst blickte er mich an. „Wollen Sie die Heizung ausdrehen, solange Sie weg sind? Zum Kosten sparen.“ Ich nickte. „Soll ich jemanden organisieren, der Ihren Briefkasten leert?“ Ich schüttelte den Kopf. „Die Nachbarin sortiert meine Post.“ Er erhob sich. „Wollen Sie etwas mitnehmen?“ Verstohlen, aus den Augenwinkeln heraus, suchte ich Peter. Er blieb stumm. Darum schüttelte ich den Kopf.

Jetzt liege ich in diesem leeren Raum. Das Fenster ist vergittert. Sie haben alle beweglichen Gegenstände entfernt bis auf die Matratze. Ich drücke mein Ohr an die Wand und versuche dem Gespräch aus dem Fernsehzimmer zu lauschen. Eine männliche Stimme redet davon, wie anstrengend der Schanzenstutz ist. Er sei fast krepiert. „Aber der hält doch fit“, widerspricht eine weibliche Stimme. Sässe ich auch dort, würde ich ihnen sagen, dass ich noch nie mit dem Fahrrad den Schanzenstutz hochgeradelt bin. Seit ich Peter kenne, steige ich sowieso immer in den 12er-Bus.

Es ist so bedrückend eng hier drin.

Die Tür zum Flur ist verschlossen. Ich werfe einen Blick auf mein Handgelenk. Ein heller Hautstreifen deutet an, wo die Uhr sonst liegt und mir Zeit verspricht. Ich lasse mich auf den Boden gleiten und spähe zum Fenster hinaus. Weisse Flugspuren überkreuzen sich in der Ferne.

Wo ich als nächstes hingehe, steht schon fest. Ich gehe in die Türkei und kaufe mir einen Esel. „Wozu?“ Für das Gepäck. Ich werde neben ihm her gehen. Und der Peter, der fährt mit dem Velo neben mir. Vielleicht werde ich ihn küssen, einmal, nur kurz, seinen schlaksigen Körper berühren. 

Das darf niemand wissen.

(verdichtete, fiktionalisierte erlebnisschilderung einer frau, bern, dezember 2013)

Engländer

Auf dem Küchentisch stapeln sich verbrannte Toastscheiben und verströmen Glück. 

(küche, bern, oktober 2013)

Männerfreundschaft

der eine:          Ich hab da ne trockne Hautstelle.

der andere:      Mach Crème drauf.

der eine:          Hab ich schon. Bringt nix.

der andere:      Mach mehr drauf.

der eine:          Ja, gut.

(lehrerzimmer, bern, august 2013)

Die andere Art zu jagen

Sie fährt mit 80 Sachen in einen Vogel. Wie ein Ball prallt er an der Windschutzscheibe ab, spickt in die Höhe, lässt Federn und fällt tot zu Boden. Sie steigt aus, legt das Tier auf den Beifahrersitz und fährt nach Hause. Sorgfältig entfernt sie die restlichen Federn. Zum Abendessen brät sie ein delikates Vogelbrüstchen.

(conon bridge, juli 2013) 

klassische konditionierung

beim piep-ton des scanner-geräts an der migros-kasse die nicht gestellte frage nach der cumulus-karte verneinen.

16. februar 2013 

(Eher zufällig eben)

Kurz bevor Du die Strasse überquertest (eher zufällig), da warfst Du der Frau einen Blick zu, verengtest Deine Augen, um alle weiteren Reize abzuwehren, die Dich daran hindern könnten, in Erinnerung zu rufen, ob Du sie kennst, die Frau, dann weiteten sich Deine Augen wieder, Dein Oberkörper wandte sich der Frau zu, Du liessest Deine Arme seitlich entlang Deiner Beine sinken, ergeben fast, und gabst Dich ihr zum Wiedererkennen frei. Da wölbten sich kleine Falten auf ihrer Stirn, einen Spalt breit (einen kleinen nur) öffnete sich ihr Mund, als wollte sie bereit sein, kommende Gedanken auszusprechen, und noch während sie suchte im Kopf, wandte sie sich ziellos ab, zeitgleich, wie Du die Strasse überquertest (eher zufällig eben).

(eine Fast-Wiedererkennung im Altenberg)

23. Januar 2013

Skizze im Regen


Der eine Mensch und der andere Mensch gehen gemeinsam durch den Regen.

"Wer bist Du eigentlich?", fragt der eine den anderen unvermittelt zwischen zwei Pfützen.

"Ein bisschen", sagt der andere, worüber der eine nachdenkt und schliesslich zustimmend nickt, verwundert über diese klare Skizze menschlicher Existenz zwischen den Pfützen.


(Berner Länggasse im Herbst)


27. November 2012

Beherrschung

Du schiebst Dein Fahrrad neben Dir her,
vorbei an Wartenden,
sie rauchen oder nicht,

eine Grasinsel zwischen linker und rechter Strassenseite,
Überreste von Sommerblumen,
oder sind es Blätter,
eine Steinbank, nicht weit, einen Meter noch, oder zwei,
mit einem Dornenbusch im Hintergrund,

schaust Dich um,
ob jemand schaut,
irgendwer,
erwidert Deinen Blick oder nicht,
während Du Dich setzt,

die Hände auf Deinen Oberschenkeln,
Finger graben sich ins weiche Fleisch,
Du richtest Dich auf, ganz gerade, du musst,
Dein Rückgrat parallel zum Baumstamm,

einen Fluchtpunkt suchen, irgendwo, weit weg,
und fixieren,
obwohl er flüchtet, nach links, nach rechts,
dann ganz,

hinter die Frau,
sie kommt auf Dich zu,
endlich, auf Dich,

Finger lösen sich,
kleine Dellen dort, wo sie zuvor waren,
kühl hinter der Stirn,
die Frau kommt und kommt und kommt,
fixiert Dich, wie Du zuvor den Fluchtpunkt,

das Rückgrat sinkt ein,
willst Dich strecken,
lässt Dich fallen,
hinterrücks,
in den Dornenbusch,

komm,
denkst Du noch,
oder nicht.

(Velofahrerin nach Sturz, Monbijou im September)

18. Oktober 2012

Kurze Geschichte

Philipp betrat den Saal während des Vorspanns und blieb eine Weile stehen. Vielleicht, um seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. Er trat zur Reihe zwölf, leicht geduckt, als wolle er nicht zu sehr die Sicht versperren oder selbst in sie geraten. Die Leute pressten ihre Beine eng an den Sitz, einige standen kurz auf und liessen ihn nickend passieren. Er nickte zurück und setzte sich auf den freien Platz, beugte sich nach vorne, um sich aus seiner Jacke zu befreien und lehnte sich schliesslich zurück. Sie sass rechts von ihm, leicht eingesunken, von hinten waren nur ihre Locken zu sehen. Schwarz vielleicht. Oder braun. So genau war das in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Aber das spielte keine Rolle. Isabell hiess sie, auch das spielte keine Rolle, und auch nicht, dass ihre beiden Namen auf einem Doppelkonsonanten endeten. Die beiden Menschen sassen einfach nur zur selben Zeit im selben Film, er auf Platz dreizehn, sie auf Platz vierzehn, getrennt von einer Armlehne und je einer eigenen Welt. Sie blickten geradeaus.

Schon ziemlich bald, fünf Minuten nachdem der Hauptfilm begonnen hatte, geschah es, dass ihr linker und sein rechter Arm gleichzeitig Platz auf der Armlehne suchten. Kaum gestreift zuckten beide unmerklich zusammen, rasch zogen sie ihre Arme zurück, die Ellbogen voran, die Hände folgten etwas langsamer. Gerade langsam genug, so dass der kleine Finger seiner rechten Hand eine Weile auf ihrem linken Handrücken zu liegen kam. Noch während Philipp Anstalten machte, den verirrten Finger zurückzuziehen, verschob sich seine Hand einen Zentimeter mehr über die andere Hand, die sich nicht – wie anzunehmen wäre – zurückzog, sondern im Gegenteil ebenfalls entgegenkam. So lag die Hand des einen Menschen ganz über der Hand des anderen Menschen – und nicht nur das, die Finger gerieten in Bewegung, suchten die passenden Wege und Zwischenräume, bis sie fest entschlossen fest umschlungen waren. Es war, als hätten zwei Hände sich gefunden und entschieden, nicht mehr auseinander zu gehen.

Während des Abspanns lösten sich die beiden zueinandergefundenen Hände behutsam voneinander. Langsam glitten sie zurück, bis sich nur noch die Fingerkuppen berührten, kaum merklich, und schliesslich jede Hand wieder dort war, wo sie hergekommen ist, die rechte bei Philipp, die linke bei Isabell, die sich erhob, in ihre Jacke schlüpfte und ebenso leise in der Dunkelheit verschwand, wie Philipp zuvor in ihr auftauchte.

(Basierend auf der Erzählung eines Freundes, der von dieser wahren Begebenheit das Bild von zwei Händen im Kopf behielt, die sich fanden und nicht wieder losliessen.)

28. September 2012